BEIGEMÜSE
«Alles ist eins». Okay, schön und gut. Ist wohl so? Oder auch nicht?
Auf unserer Wanderung durchs Leben werden uns viele «Behauptungen» angeboten. Besonders in «spirituellen Kreisen» werden oft welche geteilt und rezitiert.
«Alles ist eins». Klingt gut. Trifft sich mit meinem religiösen Hintergrund und meinem Vorwissen? Trifft sich mit meiner Sehnsucht nach Harmonie? Trifft sich mit meiner Einsicht, mit meiner Erkenntnis?
Einsicht. Erkenntnis. Klingen auch gut. Klingen erstrebenswert. Was ist meine Motivation, zu einer Einsicht zu gelangen? Fühle ich mich durch Unerklärtes verunsichert? Will ich auch sagen können «Hab‘s kapiert!». Will ich ein Gefühl von Unterlegenheit loswerden?
«Alles ist eins». Wir könnten es auch einfach glauben. Aber Gewissheit erlangen wir nicht durch Glauben und Wissen, sondern durch Erfahrung.
Oft hält uns grad der Wunsch nach Erkenntnis fern von einer Einsicht auf der Basis unserer eigenen aktuellen Empfindungen. Unser Verstand will vorerst verstehen und Buch führen: «… ah, alles klar, ach so ist das, natürlich, verstehe …». Er nimmt seine Aufgabe, für ein scheinbar sicheres, zu bewältigendes Setting zu sorgen, nur allzu oft sehr ernst. :)
Der Verstand tendiert insbesondere dazu Empfindungen als «Beigemüse» abzustempeln, als «nicht objektiv» und vor allem als unwichtig – im Vergleich zu den «grossen» Fragen des Lebens.
Wenn wir genau darauf achten, sind unsere Empfindungen im Alltag offensichtliche und allgegenwärtige Wegweiser, mit denen wir uns zurechtfinden.
Steht etwa eine Tasse Kaffee vor uns, werden wir wahrscheinlich mit unseren Händen empfinden, ob diese Tasse heiss ist oder ob es sich allenfalls um eine Tasse mit Eiskaffe handelt. Klar könnten wir auch unsere Tischnachbarin fragen, ob der Kaffee heiss ist, den Sie bereits aus ihrer Tasse schlürft. Aber was Sie als trinkbare Temperatur empfindet, gilt für uns womöglich nicht.
Wenn wir beginnen, unsere Empfindungen ernst zu nehmen und wertzuschätzen, fangen wir an, eine lebendige Verbindung zur Welt zu kultivieren. Um eine klare Einsicht zu gewinnen, werden wir unsere Empfindungen dann auch differenzieren und einordnen. Ehrlichkeit mit sich selbst hilft dabei sehr: Solange etwas unklar ist, ist es noch unklar; wenn sich etwas dumpf anfühlt, dann fühlt es sich dumpf an. Basta. Von dem ausgehen was ist.
Unsere Empfindungen sind einzigartig und mögen subjektiv gefärbt sein, doch verbinden Sie uns sehr unmittelbar mit allem Empfindbaren und Empfindsamen rund um uns herum. Sie liefern topaktuelle «Daten» aus der gegenwärtigen Welt in uns und um uns herum. Sie führen uns in eine frische und persönliche Lebenserfahrung, auf deren Basis ein natürliches «Selbstgewahrsein» wachsen kann.
Die Tiefe und Weite unseres Selbstgewahrseins können wir trainieren und kultivieren: Indem wir uns Räume erlauben und schaffen, in denen wir auf unsere Empfindungen achten.
Wie lecker doch ein Biss in einen frischen Fenchel direkt vom Bauernhof schmeckt … Wo beginnt der Fenchel und wo endest du? Kapiert? Empfunden?
Übung
Gib dir einen Moment, in dem du auf deine Körperempfindungen achtest. Ist es irgendwo warm oder kalt? Was sind «warm» und «kalt» für Empfindungen? Wie zeigen sich diese dir in deinem Körper und wie unterscheiden sie sich?
Erforsche diese und andere Empfindungen. Lasse Sie langsam durch dein Bewusstsein sickern. Durch dieses unmittelbare, aufmerksame Empfinden gehst du in Beziehung mit dir und der Welt. Und in dieser empfindsamen Beziehung öffnet sich das Leben sich selbst.