UNSICHTBAR
Kleine Kinder legen gerne Ihre Händchen vor die Augen und fragen dann: «Wo bin ich?» Und wenn wir das Spiel mitmachen, freut es sie riesig.
Wir schmunzeln dann vielleicht still in uns hinein, da wir die Dreikäsehoche natürlich sehr wohl noch sehen können.
Wenn wir ehrlich sind, geht es uns Erwachsenen manchmal ganz ähnlich: Was wir selbst nicht sehen können, existiert für uns nicht.
Was mit den Augen wahrnehmbar ist, hat in aller Regel einen grossen Stellenwert. Doch nicht alles, was existiert, ist sichtbar. Vieles davon ist für uns so selbstverständlich, dass wir keinen Gedanken daran verschwenden: Klänge, Wärme und Kälte, Gerüche oder auch die Erdanziehung erfahren wir jeden Tag, ohne dass wir diese sehen können.
Meditation führt uns unmittelbar zum Unsichtbaren, zum Leisen, zum Subtilen und Unspektakulären. Die kleinen, feinen Veränderungen, die im täglichen Geschehen meistens untergehen, erhalten durch Meditation plötzlich Raum und Aufmerksamkeit.
Achten wir auf die feinen Bewegungen und Veränderungen in unserem Körper, stärken wir unsere Beziehung zu uns selbst, wir kultivieren im wahrsten Sinne des Wortes «Selbstbewusstsein».
Noch mehr wahrnehmen in einer Welt, in der wir eh schon von Informationen und Eindrücken überflutet werden? In der Tat macht eine verfeinerte Wahrnehmung das Leben nicht einfacher. Sicherlich aber farbiger und reicher. Die Kultivierung unserer subtilen Wahrnehmung hilft uns auch dabei, all unsere Eindrücke bewusster zu dosieren.
Wenn wir uns dem Leisen und Nichtsichtbaren widmen, wartet sicher auch die eine oder andere Überraschung auf uns. In jeder Hinsicht. Vielleicht fangen wir an, Bewegung näher an der Quelle wahrzunehmen: So wie Meister:innen der inneren Kampfkünste sich der Absicht eines Gegenübers bewusst sind, bevor das Gegenüber effektiv zu einer körperlichen Bewegung ansetzt. Oder so wie gewisse Tiere eine Tsunamiwelle spüren, lange bevor diese ankommt am Ort. Oder wir können einfache Erlebnisse im Leben wieder facettenreicher geniessen und sind dadurch erfüllter und zufriedener. Das Unsichtbare ist dann nicht mehr unscheinbar, sonder je länger, je mehr unmittelbarer Teil unserer Realität.
Und manchmal bedecken wir dann die Augen – nicht um unsichtbar zu werden :) – sondern um uns selbst darin zu unterstützen, die Welt tiefer und weiter wahrzunehmen.
Übung
Schliesse die Augen und achte darauf, was du alles wahrnehmen kannst um dich herum mit geschlossenen Augen. Ein leichter Wind, den Druck von Textilien auf der Haut, ein leichtes Kräuseln im Nacken, eine Offenheit im Brustkorb. Es ist immer wieder erstaunlich, was wir alles wahrnehmen können jenseits unserer optischen Eindrücke. Sobald du das Gefühl hast, alles registriert zu haben, warte nochmals etwas – «mind the gap» – wer weiss, was dir danach gewahr wird.