WEGLASSEN
Eine regelmässige meditative Praxis – sei es Yoga, Qigong, stilles Sitzen oder eine andere Form achtsamer Übungen – hat viele vorteilhafte Effekte.
Sie schenkt Erholung, Zentrierung, einen beweglichen Körper, grössere Ruhe und Klarheit, mehr Lebensenergie, eine stärkere Gesundheit, vertiefte Selbstkenntnis ... die Liste lässt sich noch lange fortsetzen.
Dazu haben wir mit wachsender Erfahrung ein stetig breiteres Repertoire an Fertigkeiten und Übungen zur Verfügung und können vermehrt aktiv Einfluss nehmen auf unseren Körper und auf unsere Befindlichkeit.
Wir haben etwa Wege erlernt unsere Energie in Schwung zu bringen oder sie zu beruhigen, uns Klarheit oder Atemfreiheit zu verschaffen, uns abzugrenzen oder uns bewusst zu öffnen, je nach Situation in der wir uns grad befinden, respektive ganz nach der Vorstellung davon was wir grad benötigen.
Alles in allem sind es Fähigkeiten, die in vielen Fällen sehr nützlich sind und eine grosse Freiheit bieten. Doch gerade in einer Gesellschaft in der die Leistung und die Superlative einen grossen Stellenwert haben, können wir uns selbst auch mit subtilen meditativen Techniken an der Nase herumführen.
Wir pushen die Energien hoch, übergehen natürliche Phasen der Erholung und ertappen uns dabei, die ganze Zeit etwas an uns und an der Welt verändern zu wollen. Im Kern fügen wir ständig etwas dazu.
Im Daoismus gibt es den Begriff «Wu wei». Er wird oft mit «Nichthandeln» übersetzt oder auch mit «So sein». Der Begriff ist für mich persönlich immer wieder eine schöne Erinnerung und ein willkommener Hinweis auf eine Einfachheit und Direktheit, die es zu entdecken gibt.
Ein Methode sich dem «So sein» zu nähern, ist «weglassen». Wir lassen unsere Vorstellungen weg und lassen uns so sein, wie wir grad sind. Egal wie wir uns grad fühlen und in welcher Verfassung wir sind, wir versuchen nichts aktiv daran zu verändern, sondern nehmen einfach wahr. Wir lassen das aufrecht Sitzen weg, wir lassen die konzentrierte Atmung weg, wir lassen die Ziele weg, die Ideale, wir lassen all die Versuche weg etwas aktiv zu verändern.
Wir lassen weg und wir lassen zu.
Wir lassen zu was wir grad wahrnehmen in und um uns. Wir lassen unsere Empfindungen zu. Wir lassen das Leben zu und geben dem Raum, was werden will. Und vielleicht fühlen wir uns – anstelle Konzepten nachzueifern – für einmal wieder lebendig. Einfach lebendig. Überraschend lebendig. Alles andere lassen wir.
Übung
Steine sind schlichte Vorbilder im «So sein». Auch Pflanzen und Tiere, die uns vielfach ein bewegtes, frisches «So sein» vorleben.
Und wie zeigt sich das «So sein» im Menschen? In dem wir wie Steine daliegen und nichts tun? …
Nimm dir Zeit diesem «So sein» in dir nachzuspüren. Wie drückt es sich aus in dir? Was für eine Bewegung entsteht aus deinem «So sein» heraus? Was für einen Weg nimmt diese Bewegung in Verbindung mit deinem Umfeld, mit deinen Mitmenschen? Wie kannst du diese Bewegung einbringen in dein tägliches Leben?