QIGONG

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Wer sich die Frage stellt, was Qigong eigentlich ist und wie es entstanden ist, findet hier sicher ein paar Antworten…

Qigong

Das Wort Qigong besteht aus zwei Teilen: aus Qi + gong. Qi steht für «Lebensenergie» und gong für «Arbeit» oder anders ausgedrückt «Erfolg durch Ausdauer und Übung». Qigong bedeutet also «Arbeit mit der Lebensenergie».

In der Chinesischen Medizin wird Qi als lebensspendende Energie beschrieben. Diese fliesst durch den Körper aller Lebewesen, und verlässt diese, wenn sie sterben: Der Körper wird kalt, hat keine Lebensenergie mehr. Die Definition des Qi als Lebensenergie geht jedoch über die einzelnen Lebewesen hinaus.

Qi wird als die allumfassende Lebensenergie bezeichnet, die sich uns beim Erleben und Betrachten der Natur in ihrer vielfältigen Erscheinung zeigt. Sämtlichen Veränderungen/Bewegungen auf der Erde, liegt somit Qi zugrunde. In diesem Sinne wird die Erde als Ganzes einem grossen Lebewesen gleichgesetzt.

Das Erlernen von Qigong soll die Möglichkeit eröffnen mit dieser Lebensenergie bewusst zu arbeiten; sie zu leiten, zu kontrollieren wie auch gezielt einzusetzen (wobei stets das Ziel ist, durch das Ausüben, Gesundheit, Ausgeglichenheit und einen heilenden Energiefluss im Geist und Körper zu fördern und aufrecht zu erhalten).

Qigong wird als ein umfassendes System mit Selbstheilungstechniken und Meditation verstanden. Seine grundlegenden Bestandteile sind Körperhaltungen, Bewegung, Selbstmassage, Atemtechniken und Meditation.

Durch Qigongübungen soll sich der Körper gewissermassen mit Qi aufladen, also mit frischer Lebensenergie. Das Praktizieren der Übungen wird auch mit unserem Atmen verglichen (Sauerstoff rein, Kohlendioxid raus – unreines Qi in reines Qi umwandeln).

Von Qigong-Übungen wird gesprochen, da hier nicht wie bei einem Arzneimittel von einer begrenzten Behandlungsdauer ausgegangen wird (...nehmen sie während den nächsten drei Wochen zweimal täglich das «xy», ...), sondern die tägliche Anwendung ein wesentliches Merkmal von Qigong ist.

Dies lässt sich verhältnismässig leicht einrichten, da es zur Ausübung von Qigong weder eine Ausrüstung noch einen besonders grossen Raum braucht. Auch kann das Alter oder der individuelle Gesundheitszustand kein Hindernis ergeben, da es für jedes Alter/jeden Gesundheitszustand, entsprechende Übungen gibt (meistens können die Übungen stehend, sitzend und auch liegend ausgeführt werden, was dazu geführt hat, dass Qigong z. B. in vielen Spitälern Chinas, als Ergänzung zur Grundbehandlung angeboten wird). Die empfohlene Übungsdauer liegt im Schnitt bei etwa zwanzig bis vierzig Minuten täglich.

Es gibt viele verschiedene Qigong-Techniken und sogenannte Stile. Die Stile tragen unterschiedlichste Namen wie z. B. Kranich-, 18-Mönche-, oder Eisenhemd-Qigong. Diese Namen haben ihren Ursprung je nach Stil, in Tiernamen, deren Bewegungen sie nachahmen, im Namen der jeweiligen Begründer oder verweisen mit ihrem Namen auf den Anwendungsbereich der Übung.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Übungen in Bewegung; dem «Aktiven Qigong» und Übungen in Ruhe; dem «Meditativen Qigong».

Diese beiden Techniken werden entsprechend dem chinesischen Symbol Taiji den Polen Yin und Yang zugeordnet und werden daher auch nicht streng voneinander getrennt. Es geht vielmehr darum, die jeweils richtige Balance zwischen den relativen Polen «Bewegung und Ruhe» zu finden.

Dieses Prinzip kann mit der Zeit nicht nur während dem Qigongüben stattfinden, sondern sich auch im täglichen Leben ausbreiten (ruhig und ausgeglichen in der Bewegung, bedacht und aufmerksam in der Ruhe).

Zum Ursprung von Qigong

Die Wurzeln des Qigongs reichen weit zurück in die Vergangenheit. Es wird angenommen, das möglicherweise Tiertänze chinesischer Schamanen die Urgrundlage des heutigen Qigongs bilden. Denn oftmals tragen Qigong-Übungen Tiernamen wie zum Beispiel «badende Ente» oder «alter Bär im Wald».

Zur weiteren Entwicklung der Formen haben auch Chinas Nachbarn; Indien (Yoga) und Tibet (Lu Jong) wesentliches beigetragen. Die Praxis und Theorie des Qigong, hat seine Wurzeln aber hauptsächlich in der traditionellen Philosophie Chinas, wie z. B. in dem Werk «Doadejing», des Laozi:

...kannst du die Gegensätze in dir vereinigen und die Einheit umfangen, ohne loszulassen? ...,

...kannst du dich auf deinen Atem konzentrieren und zart werden wie ein Säugling? ...

Qigong hiess nicht immer Qigong. Es gab im Laufe der Geschichte Chinas verschiedenste Bezeichnungen. In alter Zeit nannte man es «tugu naxin» (Altes ausstossen, Neues aufnehmen), «xingqi» (das Qi strömen lassen), oder «yangsheng» (Leben nähren). Meistens wurde jedoch der Name «daoyin» verwendet was so viel bedeutet wie «leiten und führen des Qi», oder «führen des Qi und dehnen der Glieder».

Der Name «Qigong» hingegen ist noch «relativ» jung; um ca. 370 n. Chr. werden das erste Mal Übungen unter diesem Namen beschrieben.

Doch das «Qi» selbst, fliesst schon viel länger, als es seinen Namen hat.

So haben neben China auch weitere Kulturen, Hinweise auf Kenntnis einer «unsichtbaren Lebensenergie». Oft wird diese namentlich mit dem Atem verglichen: so z. B. im hebräischen; ruach ha kodesh, oder im lateinischen: spiritus sanctus (beides; Atem Gottes).

Doch nicht nur die Namen haben verwandte Elemente; auch was die Erfahrungen mit dieser «Lebensenergie» angeht, gibt es viele Ähnlichkeiten.

In Afrika nennt man sie «num», und sie soll durch ekstatischen Tanz «zum Sieden» gebracht werden können; «...num lässt die Wirbelsäule erzittern und das Gehirn leer, gedankenlos werden».

In Hawaii ist sie unter dem Namen «Ha» bekannt, und kommt dort ebenfalls im hawaiianischen Wort «aloha» vor, welches teils als respektvoller, herzlicher Gruss gebraucht wird, aber auch «Liebe» bedeutet. In diesem Sinne ist «Liebe»; die «persönliche Begegnung» (alo) mit dem Atem des Lebens (ha).

In Australien, vor etwa fünfzig- oder sechzigtausend Jahren, lange bevor in China irgend wer von Qi sprach, kultivierten die Ureinwohner die Lebensenergie als Schlüssel für heilende und spirituelle Kraft. Es wird berichtet, dass «...jene, die sich dieser Energie bedienen können, unter anderem die Möglichkeit haben über grosse Entfernungen telepathisch miteinander zu kommunizieren», (...wär doch mal was anderes als SMS ?! ... ;-) ) .

Die Aborigines, wie auch andere Eingeborenen, glauben, dass die Menschen heute über weniger Lebensenergie verfügen als zu früheren Zeiten. Wenn die Lebensenergie der allen gemeinsame Ursprung ist und alles verbindet, bedeutet der Verlust an Lebensenergie gleichzeitig einen Verlust an Harmonie in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt (Die Wiederaufnahme dieser intensiven Natur-Mensch-Beziehung, könnte vielleicht der Schlüssel sein für ein umfassenderes Wohlbefinden auf dieser kleinen Kugel im weiten All ...) .

Auch in der europäischen Kulturküche finden sich Nennungen eines alles belebenden Atems; so z. B. in der griechischen Philosophie die vom «pneuma» spricht.

In Sachen Körperübungen hatten die Griechen den klassischen Fünfkampf (Laufen, Springen, Diskus werfen, Speerwerfen und Ringen). Dieser wurde nackt ausgeführt (hier hat das Wort «Gymnastik» seinen Ursprung: «nackt» im Griechischen; «gymnos»). Mit Massagen und Diät kombiniert war er ein Bestandteil der damaligen Präventivmedizin.

Auch im Mittelalter gibt es Spuren der Auseinandersetzung mit Heilwirkungen von Körperübungen. So hatte 1779 ein Jesuit mit einer illustrierten Übersetzung daoistischer Qigongtexte von sich reden gemacht.

Diese Aufzeichnungen hatten höchstwahrscheinlich einen grossen Einfluss auf den Schweden Per Henrik Ling, den Begründer der modernen Gymnastik (1776–1839). Lings medizinische Gymnastik zur Gesundheitsstärkung und Krankentherapie basierte auf der Theorie einer lebensspendenden Energie. Viele seiner Körperübungen gehören heute zum Repertoire von Fitnessklubs auf der ganzen Welt. Lings Theorie der lebensspendenden Energie ist jedoch nach und nach in Vergessenheit geraten.

Als im Abendland die Philosophie des Vitalismus durch den wissenschaftlichen Materialismus abgelöst wurde, legte man bei Körperübungen und Körpertherapien den Schwerpunkt hauptsächlich auf Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Diese Aspekte, spiegeln deutlich die westliche Betonung des äusseren Erscheinungsbildes der Gesundheit: schöne Figur und ausgeprägte Muskulatur.

Diese westlichen Übungssysteme, kann man als eine Parallele zu einer eingetretenen Entmündigung sehen: Die innere Gesundheit hält man für unbeeinflussbar; ist diese gestört, verlangt man nach einem Spezialarzt.

Das Bewusstsein, dass der Körper nicht eine Maschine ist, unfähig sich selbst zu reparieren, macht sich jedoch allmählich auch in der westlichen Wissenschaft wieder bemerkbar. In medizinischen Auseinandersetzungen über «Bioelektrizität» kommt dieses «Wissen» über eine allumfassende Lebensenergie, langsam wieder zum Vorschein ...

Quellenangaben

Kenneth S. Cohen, QIGONG, ISBN 3-8105-0358-4

Song Z.J., T’AI-CHI CH’ÜAN, Die Grundlagen, ISBN 3-492-03409-8


Übung

Qi wird oft mit «Lebensenergie» übersetzt: Was für Assoziationen kommen dir beim Begriff «Lebensenergie»? Hast du Erinnerungen an Erlebnisse und Empfindungen, die du mit diesem Begriff verbindest?

Achte bei einer Tätigkeit, die du oft ausführst, auf die «Lebensenergie». Zum Beispiel beim Zähneputzen, beim Staubsaugen oder beim Spazieren in der Natur. Wo ist Lebensenergie in deinem Körper? Wo und wie macht sie sich spürbar bemerkbar? Verändert sich deine Tätigkeit durch deine Achtsamkeit auf die «Lebensenergie»?

Urs Meyer