OPEN MOMENT

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INTERVIEW MIT SANDRA H., YOGALEHRERIN UND PHYSIOTHERAPEUTIN, SCHWEIZ

Wo und wie bist du zum ersten Mal mit Meditation in irgend einer Form in Kontakt gekommen?
Sandra: «Nun, so ganz bewusst das erste Mal in Kontakt gekommen mit Yoga und Meditation, bin ich vor 10 Jahren, als ich mein Studium als Physiotherapeutin angefangen habe. Eine heute gute Freundin von mir war damals schon Yogalehrerin und hatte mich eingeladen mal an einer Ihrer Yogastunden teilzunehmen. Wenn ich jedoch heute zurückblicke, hat Meditation bei mir auch schon vorher stattgefunden. Zum Beispiel beim Reiten oder beim Joggen. Dies waren meine, eigentlich unbewussten Wege zu meditieren und zur Ruhe zu kommen.»

Was ist deine regelmässigste Meditationspraxis?
Sandra: «Im Moment, wenn ich ehrlich bin, mit einem zweijährigen Kind, ist meine regelmässigste Praxis wenn ich Yoga unterrichte (lacht). Zuhause komme ich aktuell nicht mehr oft dazu. So ist es gerade das Unterrichten, das mich selbst so in den Moment und so zur Ruhe bringt, dass ich an nichts anderes mehr denken kann.»

Wieso praktizierst du gerade Yoga, und nicht etwas anderes?
Sandra: «Ich finde es einfach super, wie mir Yoga mit der Verbindung von Bewegung und Atmung dabei hilft zur Ruhe zu kommen und meinen eigenen Körper besser zu spüren. Für die Yogalehrer-Ausbildung habe ich mich entschieden, als ich bereits ein paar Jahre als Physiotherapeutin arbeitete und merkte, dass ich Spass daran hatte, und es hilfreich war, Yogaübungen in meine Physioarbeit mit einzubauen. Nach der Ausbildung habe ich dann auch viel mehr mit Atmung gearbeitet in der Physiopraxis... und so die Leute ein bisschen mehr auf einen bewussten Weg geschickt (lacht).

Übst du Yoga lieber alleine oder findest du gerade das Praktizieren in einer Gruppe einen besonderen Gewinn?
Sandra: «Ich glaube das ist sehr individuell. Für mich persönlich ist es in der Gruppe. Da wird man auch ein wenig dazu ‹gezwungen› wirklich jetzt Yoga zu machen und im Jetzt zu sein und nicht mit den Gedanken irgendwo herum zu schwirren. Wenn ich alleine Zuhause bin und neben mir dann grad die Waschmaschine fertig ist und dann auch noch ein Kind da ist, ist es wirklich nicht so einfach bei mir zu bleiben (lacht). Also ja, ich bin mehr der Gruppentyp. Ich denke aber es gibt Menschen, die ganz gut Zuhause ihre Praxis ausüben können und dass das für diese bestens funktioniert. Ich geniesse es sehr in einer Gruppe zu unterrichten und auch selbst Unterrichtsstunden zu besuchen oder in Retreats zu gehen.»

Hat Yoga irgendwelche Effekte auf dein tägliches Leben?
Sandra: «Seit ich Yoga praktiziere, lebe ich generell bewusster: Ich fing an meine Ernährung umzustellen und zum Beispiel mehr biologisch zu essen. Auch im Umgang mit anderen Menschen nehme ich eher wahr wie jemand reagiert oder kann besser Ruhe bewahren… was mit einem Kind auch sehr praktisch ist und in der Partnerschaft übrigens auch (lacht). Tief durchatmen, vielleicht innerlich kurz Om chanten... und dann gehts oft wieder besser. Das konnte ich bevor ich Yoga gemacht habe nicht so gut.

Du hast gerade erwähnt, dass du Mutter bist. Was sagst du zu Yoga und Meditation mit Kindern? Hast du selber schon mit Kindern zusammen praktiziert?
Sandra: «Ich habe einmal eine Freundin bei einer Yoga-Stunde für Kinder vertreten. Damals war es eine gemischte Gruppe mit jüngeren und älteren Kindern, die sich unterschiedlich lange konzentrieren konnten. Ich hatte dann halt so eine Geschichte vorbereitet, und nach fünf Minuten war es eigentlich zu viel für alle. Wir sind dann rumgerannt und haben Fangen gespielt und ich musste dann sehr viel improvisieren, was ich mich aus dem Yogaunterricht mit Erwachsenen nicht so gewohnt war. Ich glaube aber generell, dass Yoga Kindern sehr toll helfen kann sich selbst zu spüren und ein gutes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ich überlege mir aktuell sogar eine Kinder-Yoga-Ausbildung zu machen, da ich Yoga für Kinder sehr interessant finde. Wichtig ist sicher, dass man nicht nur denkt «Yoga wäre auch super für meine Kinder» sondern darauf schaut, dass die Kinder in Ihrem Tagesprogramm auch Zeit für sich haben, die nicht verplant ist. Mit meinem zweijährigen Sohn habe ich auch schon denn Sonnengruss ein paar mal ausprobiert. Dazu gibt es ein schönes Kinder-Yoga-Lied von Mai Cocopelli. Das fand er immer ganz toll und hat ganz gut mitgemacht.»

Was würdest du deinem jüngeren Selbst, dass gerade anfängt zu meditieren rückblickend für einen Tipp mit auf den Weg geben?
Sandra: «Ja, wenn man über Meditation redet, denken viele an Sitzmeditation… dass man sitzen muss, und so stundenlang meditiert und keine Gedanken im Kopf hat. Das hat bei mir so nie funktioniert und ich war teils auch traurig oder gar böse auf mich und habe mich gefragt wieso können das alle so gut und bei mir funktioniert es nicht? Und irgendwann bin ich dann drauf gekommen, dass ich einfach der Typ bin, der über Bewegung in die Meditation kommen muss. Ich kann eine Stunde lang Ausreiten gehen mit dem Pferd durch den Wald und kann dabei an nichts denken. Und dann kann ich mich hinsetzen und eine Stunde lang kommen alle möglichen Gedanken durch meinen Kopf. Ich glaube da hätte ich von Anfang an mehr loslassen und einsehen können, dass es nicht für alle der Weg ist über die sitzende, stille Meditation zur Ruhe zu kommen. Einige müssen joggen gehen, reiten gehen oder eben Yoga machen.»

Gibt es etwas zu Yoga oder Meditation, das du noch ergänzen möchtest, etwas das dir noch am Herzen liegt?
Sandra: «Wichtig ist, dass jeder seinen Weg und auch wirklich seinen Yoga-Stil findet: Manche mögen eher den Flow-Yoga, und für andere ist es wichtig länger in Asanas zu bleiben und zur Ruhe zu kommen. Also nicht zu schnell aufgeben und einfach verschiedene Sachen mal ausprobieren und schauen was da für einen so dabei sein könnte. Und es gibt natürlich auch noch viele andere Wege wie Qigong, Taiji,… einfach ausprobieren.»

Herzlichen Dank Sandra für das Interview.
Interview: Urs Meyer