ZEITFREI
In diesem Moment streifte mich eine Erinnerung: So hatte ich mich gefühlt, als ich noch ein kleiner Junge war, am Boden sass, spielte und eine Welt voller erstaunlicher Wunder erkundete.
Doch von vorne: Es war ein Spätsommernachmittag. Ich war unterwegs im Ausland und gerade umgestiegen in einen kleinen Regionalzug. Während ich etwas gelangweilt über Vororte schaute, die vor dem Fenster vorbeizogen, fiel mein Blick auch auf eine Digitaluhr. Sie war in der Zugsmitte über dem Gang zwischen den Sitzbänken montiert und stellte mit roten Ziffern – aufgebaut aus leuchtenden Strichen – die Zeit dar: 16:32.
Und plötzlich stand die Zeit still; als hätte eine Reise gestoppt.
Nun, der Regionalzug fuhr weiterhin durch abwechslungsarme Vororte und die Uhr wechselte immer noch wie vorgesehen im Minutentakt auf die nächste Zahl – 16:33, 16:34 und so fort – doch mir war meine Zeitempfindung abhandengekommen.
In mir war etwas still geworden. Die Uhr vor mir erschien mir plötzlich als ein sonderbarer Kasten, der rote Striche aufleuchten lässt. Irgendwie hatte sich dieses vertraute Gefühl, zwischen zwei Zeitpunkten unterwegs zu sein aufgelöst. Ich war ganz hier, lebendig, in Bewegung und zeitfrei.
Ja, so etwa hatte ich mich als kleiner Junge gefühlt. Etwas darauf, als ich mich wieder um Fahrsteignummern und Abfahrtszeiten kümmern musste, verlor sich diese Erfahrung dann rasch wieder. Doch von da an war diese Erinnerung abrufbar.
Als kleine Kinder waren wir alle ständig an diesem zeitfreien «Ort». Nach und nach haben wir gelernt uns an Tagen, Stunden und Minuten zu orientieren. Ist ja auch praktisch, wenn ich mit Freunden zu einem Mittagessen abmache und wir alle zum gleichen Zeitpunkt dort eintreffen. Das Mass der Zeit prägt aber auch unsere Wahrnehmung von uns selbst und unserem täglichen Leben. Man hat nicht nur zu wenig Zeit, sondern ist gefühlt eingespannt zwischen Terminen, Erinnerungen und Plänen und zuletzt wartet dann auch noch der Tod: Alles schön aufgereiht auf einer imaginären Zeit-Linie von Anfang bis Ende.
Eine direkte Brücke zu diesem zeitfreien «Ort», ist unser Körper. Was wir im Körper spüren, geschieht im aktuellen Moment. Unser Körper merkt die Wärme wenn die Sonne scheint und die Kälte, wenn die Sonne verschwindet. Doch Tageszeiten, geschweige denn Ihre Namen, kennt er nicht.
Mit etwas Geduld und Übung können wir uns immer leichter mit unserer Körperwahrnehmung verbinden und mit dem Bewusstsein darin verweilen. In diesem Zustand sind wir wie unser Körper und wie als kleine Kinder, einfach da in einem zeitfreien, pulsierenden Jetzt. Und in unserer Freizeit heisst es dann vielleicht immer öfters auch mal „Zeitfrei!“.
Übung
Nimm dir etwas Raum deinen Körper zu spüren: Nimm die Stellen wahr mit denen du den Boden, den Stuhl, etc. berührst. Was spürst du dazu auch noch? Wärme? Kälte? Einen Windstoss auf der Haut oder im Haar?
Wie geht es dir, wenn du dich so direkt deiner Körperwahrnehmung widmest?
Fahre eine Weile so fort, in dem du die verschiedenen Empfindungen in deinem Körper spürst. Mit jedem Ausatmen kommst du etwas näher zu deinem Körper und etwas mehr in diesem Moment an.
Fühlst du dich tiefer angekommen bei dir und deinem Körper, dann starte mit einer spontanen Bewegung. Mache zum Beispiel eine Bewegung mit deiner Hand. Erkunde das Bewegungsspektrum deiner Hand. Deine Energie bewegt deine Hand. Deine Hand verdrängt die Luft rundherum und bringt sie ins Wirbeln. Die Wirbel der Luft breiten sich aus und lassen das Blatt einer Pflanze wippen ... und so weiter. So gesehen ist jede Bewegung auch Wandlung und in Verbindung mit allem rundherum. Jede Bewegung deines Körpers und des Universums findet im gleichen unendlichen Moment statt. Dieser Moment ist voller Bewegung und dazu braucht es keine Zeit. So wandeln sich auch die lustigen Apparate – die Uhren – in diesem Moment und hinterlassen zyklische Muster, die wir als Rhythmus und als Zeitmass interpretieren und nutzen können.
Dein Körper ist lebendig. Dein Atem kommt und geht und verwandelt deinen Körper. Deine Hand bewegt sich auf und ab und verwandelt den Moment.