AUSKLANG

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Ein turbulenter Tag, viele Termine und Begegnungen, wenig Pausen. Der Kopf spannt und surrt leicht. Rastlosigkeit, vielleicht sogar Überreizung im Nervensystem. Ein dumpfes Kribbeln im Körper …

Nach solchen Tagen setze ich mich gern eine Weile an einen stillen Ort: Zum Beispiel aufs Sofa. Draussen ist es vielleicht bereits am Eindunkeln, und rundherum wird alles in schummriges Licht gehüllt.

So horche ich dann auf das, was sich gerade in mir zeigt: In Form von Gedanken und Emotionen, in Form von Körperempfindungen und subtileren Sinneswahrnehmungen.

In was für einem Zustand bin ich gerade jetzt? Was meldet sich in mir? Was «klingt» da noch in mir von diesem Tag? Von der letzten Begegnung? Von der letzten Stunde?

Wie die Saite eines Instruments, die ausschwingt, nachdem eine virtuose Melodie auf ihr gespielt wurde, können wir uns selbst ausklingen lassen.

Ich liebe diesen Moment, wenn es ausserhalb von mir stiller ist als in mir und einfach Zeit und Raum da ist für das, was da in mir nachklingt und für die Ruhe, die allmählich zum Vorschein kommt.

Manchmal kann Stille auch unheimlich sein, ja sogar Angst und Unbehagen hervorrufen. Doch in der Regel ist es nicht die Stille, die unangenehm ist, sondern es sind Emotionen, Erinnerungen und Geschichten, die auftauchen. Vielleicht haben wir diese tagsüber oder vor Jahren beiseitegeschoben, und nun werden sie in diesem stillen Moment wieder sichtbar und spürbar.

Was auch immer auftaucht: Sei es ein Druck auf der Brust, eine Freude über eine tolle Begegnung am Nachmittag, eine dumpfe Leere, Trauer, ein Jucken in den Schultern … nichts davon ist belanglos, und alles verklingt irgendwann.

Geben wir regelmässig der Stille und dem inneren Ausklingen Raum und Aufmerksamkeit, so finden wir auch in kurzen Pausen und turbulenten Zeiten immer einfacher zu unserer inneren Ruhe.

Und falls es einmal ganz still wird? Dann geniessen wir es einfach :-) Oder lassen uns zumindest nicht beunruhigen und horchen noch etwas weiter auf diese Stille: Wer weiss, plötzlich fängt sie an zu singen ...?!


Übung

Sorge dafür, dass du für eine Weile nicht gestört werden kannst, und nimm dir einen Moment Zeit nur für dich selbst. Wähle eine Körperhaltung, in der du dich wohlfühlst.

Kannst du dabei deinen ganzen Körper wahrnehmen: So als würdest du einen Mantel aus Empfindung - mit Kapuze - um dich legen; vom Scheitel bis zu deinen Füssen? Ist da Wärme zu spüren? Sind da Spannungen? Ist da Ruhe? Gedanken? Wie atmest du? Fühlst du dich locker, frisch, müde, aufgewühlt, angespannt, leer, übervoll? Bei jedem Ausatmen lässt du überflüssige Spannung nach unten Richtung Erde sinken.

Vielleicht wirst du bald ruhiger. Vielleicht nicht. Bleibe einfach bei dir, bei dem was du empfindest und bei dem was da in dir und in deinem Körper ausklingt und erklingt ...

Und vielleicht erscheint auch etwas Neues, etwas jenseits von gewohnten Gedankenpfaden und eingespielten persönlichen Mustern: In Form einer frischen Idee, in Form einer Sehnsucht, die dir für einen deiner nächsten Schritte die Richtung weist.

Urs Meyer